FACHDIDAKTIK

10 Orientierungspunkte für den Deutschunterricht


1. Fachlicher Anspruch

Ziel jeden Unterrichts sollte es sein, einen Lernfortschritt bei den Schülern zu erreichen. Dazu gehört zunächst die bewusste und positive Annahme eines Anspruchsniveaus durch die Unterrichtenden. Für das Fach Deutsch bedeutet das etwa die Einhaltung eines hochsprachlichen Niveaus, den Umgang mit sogenannter „höherer“ Literatur, das Erlernen und Einüben von Kenntnissen und Fertigkeiten zur Untersuchung und Beurteilung von gesprochener und geschriebener Sprache. Hierfür ist eine Formulierung von Anforderungsbereichen sinnvoll, z.B. „Reproduktion“, „Analyse“ und „Transfer“. Eine anspruchsvolle Deutschstunde dürfte sich nicht im Anforderungsbereich „Reproduktion“ erschöpfen. Orientierungshilfen bieten die „Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung“ (EPA).

Sowohl bei der didaktischen Auswahl als auch bei der methodischen Gestaltung sollten fachwissenschaftliche Standards berücksichtigt werden. Literaturgeschichtliche Kenntnisse, textanalytische Verfahren und rezeptionstheoretische Aspekte etc. sind in den Unterricht bzw. in die Teilintentionen einzubringen. Von den Unterrichtenden wird ein solides Basiswissen in den germanistischen Disziplinen sowie ein Überblick angrenzender Fachbereiche erwartet. Auch wenn fächerübergreifend, fächerverbindend oder projektartig gearbeitet wird, ist es immer sinnvoll, genuine Belange des Faches Deutsch zu berücksichtigen. Sprache und Texte sollten in irgendeiner Form Unterrichtsgegenstände sein; Sprechen, Lesen und Schreiben sollten grundsätzlich zu den Arbeitsmethoden gehören.

Der fachliche Anspruch und die didaktisch-methodischen Entscheidungen wirken sich unmittelbar auf den Inhalt des Stundenentwurfs aus. Sie sollten vor allem im Stundenthema und in der Formulierung der Intentionen deutlich werden. Je nach Ausrichtung kann es hierbei kognitive, affektive oder instrumentelle Schwerpunkte geben. Die Grundsätze der Durchführung sollten im Unterrichtsgeschehen bzw. im Handeln des Unterrichtenden erkennbar sein.



2. Schülerorientierung

Deutschunterricht soll grundsätzlich an der Lebenswelt der Schüler orientiert sein. Diese Orientierung kann affirmativ oder kontrastiv erfolgen. Die Schüler sollten also Bezüge zu ihnen bekannten Situationen (z.B. im Elternhaus, im sozialen Umfeld, im Umgang mit Medien etc.) auffinden, Übereinstimmungen oder Unterschiede erkennen und Alternativen entwickeln können. Wichtig ist dabei eine altersgemäße Themenwahl, die möglichst auch das Vorwissen der Schüler berücksichtigt. Es können durchaus Gegenstände gewählt werden, die der Lebenswelt der Schüler zunächst einmal fremd sind oder die nicht im Interesse der Schüler zu liegen scheinen – dies ist etwa bei einer Vielzahl poetischer Texte der Fall. Aufgabe des Unterrichts ist es aber, Interesse zu wecken und eine sinnvolle Anbindung an aktuelle Lebensfragen herzustellen. Zur Schülerorientierung gehört auch die Kritik des Unterrichtsgegenstandes und der Methode. Aus den entsprechenden didaktischen Fragen können Entscheidungen über die Hauptintentionen einer Stunde hergeleitet werden. Einen Maßstab für eine erfolgreiche Schülerorientierung liefern u.a. Frequenz, Verteilung und Qualität von Schülerbeiträgen.



3. Problemorientierung

Gerade für den Deutschunterricht ist es wichtig, dass bei didaktischen Entscheidungen der diskursive Wert eines Unterrichtsgegenstandes berücksichtigt wird. Der Deutschunterricht hat grundsätzlich die Aufgabe, das Problembewusstsein der Schüler anzuregen und damit die Entwicklung von Lösungsstrategien zu fördern. Formal-ästhetische und affektive Beschreibungskategorien der Literaturdidaktik (Aufbau, Versmaß, Klang, Motive, Spannung, Unterhaltsamkeit etc.) werden damit keineswegs ausgeklammert. Sie sind für ein umfassendes Verständnis von Sprache und Text unverzichtbar, dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden, sondern können als (subjektives) Ergebnis einer problemorientierten Arbeit bestehen bleiben oder sogar positiv verstärkt werden.



4. Relevanz

Unterrichtsgegenstände sollen nicht nur schülerorientiert, sondern auch im Hinblick auf ihre Bedeutung ausgewählt werden. Dabei sind ihre gesellschaftlichen, politischen oder ästhetischen Aspekte zu berücksichtigen. Als Bezugsrahmen soll ein zukunftsorientiertes Kulturverständnis dienen, in das Internationalität, Demokratie- und Werteentwicklung sowie soziale und kommunikative Kompetenz eingebunden sind. Traditionen und Muster (etwa die Literatur der Klassik) müssen dabei weiterhin eine wichtige Rolle spielen, um Vorbilder und Normen kennen zu lernen, Entwicklungen nachzuvollziehen und Alternativen zur Verfügung zu haben. Umgekehrt kann Relevanz im Hinblick auf aktuelle kulturelle Erscheinungen (z.B. Comics, Computerspiele etc.) durchaus auch im Sinne eines Immunisierungsansatzes gegeben sein. Hilfreich ist in jedem Fall eine klare didaktische Voreinstellung des Lehrers zum Unterrichtsgegenstand, ohne dass ein affirmativer oder emanzipatorischer Zugang von den Schülern erzwungen wird.



5. Prägnanz und Angemessenheit

Ausgangspunkt der methodischen Entscheidungen sollte die Frage sein, wie ein Unterrichtsgegenstand Deutlichkeit erlangen kann. Dies hängt wesentlich von den Intentionen der Unterrichtenden ab, die den Schülern durchaus mitgeteilt werden können. Unabhängig von einer Ergebnissicherung muss gewährleistet sein, dass eine möglichst große Zahl von Schülern während des Lernprozesses ein vertieftes Verständnis des Unterrichtsgegenstandes erlangt. Klassische Formen und Methoden des Deutschunterrichts hierfür sind z.B. das Wirkungsgespräch, die Textarbeit und die Textproduktion. Wichtig ist es, dass die gewählte Methode nicht nur Selbstzweck hat, sondern sinnvoll zur Problemlösung bzw. zum Lernfortschritt beiträgt und in ihrer Funktion als Lösungsstrategie verdeutlicht wird.



6. Handlungsorientierung

Grundsätzlich ist es notwendig, die Selbsttätigkeit der Schüler zu fördern. Unterrichtsphasen, in denen Schüleraktivitäten vorherrschen, schaffen intrinsische Motivation, vermitteln Kompetenzen und mindern das Risiko der Redundanz. Neben den klassischen Sozialformen wie Gruppenarbeit oder Partnerarbeit bieten sich im Deutschunterricht weitere handlungsorientierte Verfahren an, z.B. die Gestaltung eines Tafelanschriebs durch Schüler, Vortrag oder darstellendes Spiel vor der Klasse Diese Phasen müssen aber so gestaltet und zeitlich bemessen sein, dass insgesamt die Lehrerleistung erkennbar bleibt. Die Unterrichtenden müssen also die organisatorische Vorbereitung (Arbeitsmaterial, Medien, Aufgabenstellung) erkennen lassen, die Begleitung der Phase durch Beratung und Hilfestellung gewährleisten und die Auswertung der Ergebnisse sicherstellen.



7. Transparenz

Pädagogische Entscheidungen liegen zwar zunächst im Verantwortungsbereich des Lehrers, er sollte aber gegenüber den Schülern und Außenstehenden die Durchsichtigkeit seiner Entscheidungsprozesse bewahren. Voraussetzung dafür ist ein klarer und nachvollziehbarer Stundenaufbau. Der Unterrichtende soll über die entsprechenden Kriterien Rechenschaft ablegen können, damit die Wirkung des „heimlichen Lehrplans“ kontrollierbar bleibt. Gerade der Deutschunterricht bietet zudem Inhalte und Methoden, bei denen Schüler in die Entscheidungen eingebunden werden können (z.B. bei der Lektüreauswahl, bei der Bewertung von Vorträgen und Aufsätzen), um Formen der verantwortlichen Mitbestimmung und die Anwendung von Kriterien einzuüben. Dazu gehört es letztlich auch, dass Unterricht und Lernprozesse von Zeit zu Zeit gemeinsam kritisch reflektiert werden. Schüler und Lehrer können so langfristig Maßstäbe und Verfahren einer inneren Evaluation entwickeln.



8. Präsenz

Die erfolgreiche Organisation und Begleitung von Lernprozessen erfordert den Einsatz einer möglichst integeren Lehrerpersönlichkeit. Dabei können besondere individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten (z.B. Mimik, Gestik, Stimme, aber auch Humor etc.) gerade im Deutschunterricht vorteilhaft sein (Vortrag von Texten, Gestaltung von Diskussionen etc.) Im Hinblick auf Sprache, politische und gesellschaftliche Grundwerte, die im DU häufig thematisiert werden, sollten die Unterrichtenden berücksichtigen, dass sie eine Vorbildfunktion haben. Persönliche Lebenserfahrungen und Meinungen sollten entsprechend behutsam, nötigenfalls aber auch deutlich in den Unterricht einfließen. Wichtig ist, dass die Unterrichtenden den Schülern gegenüber als Ansprechpartner erscheinen, die nicht nur fachliche Kompetenz beweisen, sondern auch menschliche Reife zeigen. Dazu müssen sie das Unterrichtsgeschehen erkennbar überblicken und begleiten. Nur so können sie sich im guten Sinne als Autoritäten etablieren.



9. Flexibilität

Das Unterrichtsgeschehen entwickelt sich oft anders, als Planung und Intentionen es vorsehen. Die Unterrichtenden sollten sich darauf einstellen, dass der Erfolg einer Stunde teilweise erheblich von der aktuellen Situation abhängt, die durch vorausgegangene oder nachfolgende Ereignisse, unvorhersehbare Begleitumstände oder Fehleinschätzungen geprägt sein kann. Diese Aspekte können die Schüler oder die Unterrichtenden selbst betreffen; sie können positive oder negative Auswirkungen haben. Bei der Planung sollten deshalb Gelenkstellen mit Alternativen berücksichtigt werden, die eine flexiblere Gestaltung des Stundenverlaufs ermöglichen. Im Deutschunterricht ist dies leicht durch ergänzende bzw. weiter führende Texte zu erreichen. Auch bei einem planmäßigen Ablauf sollten die Unterrichtenden spontane Reaktionen (bei den Schülern und bei sich selbst) auf Fragen, Interessen oder Probleme zulassen und nach Möglichkeit produktiv nutzen. Das gilt besonders für rezeptionsästhetische Aspekte und Interpretationshypothesen in der Literaturdidaktik.



10. Verbalisierung / Sprache

Der Unterrichtserfolg ist entscheidend davon abhängig, wie die sprachliche Umsetzung bzw. Begleitung des Lernprozesses gelingt. So sollten Übergänge zwischen einzelnen Phasen oder das Erreichen von Teilintentionen in geeigneter Form verdeutlicht werden. Wichtig ist auch die richtige Implementierung von Sozialformen und Methoden. Fragetechnik und Gesprächsführung sind dabei die zentralen Steuerungsinstrumente. Den Schülern müssen verständliche Impulse (verbal oder nonverbal) gegeben werden; gleichzeitig kann der Lehrer das Unterrichtsgeschehen auf der Metaebene kommentieren bzw. seine subjektive Auffassung zum Ausdruck bringen. Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer sind sprachliche Vorbilder. Die Unterrichtenden sollen sich daher einer klaren und richtigen Sprache bedienen und sie umgekehrt von den Schülern einfordern.




 

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